Mehr als zwanzig Schälchen zu töpfern klingt erst einmal überschaubar.
Bis man beginnt.
Denn Serienarbeit ist etwas anderes als ein Einzelstück. Sie fordert Geduld, Planung und die Bereitschaft, Entscheidungen nicht einmal, sondern immer wieder zu treffen.
Dieses Kundenprojekt für ein Gymkhana im Pensionsstall hat mir genau das deutlich gezeigt. Es ging hier nicht um perfekte Keramik. Sondern um Stimmigkeit. Um Prozesse. Und um die kleinen Unterschiede, die selbst dann entstehen, wenn vieles gleich sein soll.
Ich arbeite in einem Pferde-Pensionsstall mit Offenstallhaltung.
Sechzehn Pferde, viele unterschiedliche Menschen, ein gemeinsamer Ort.
Seit gut zwei Jahren organisieren die Pensionärinnen wieder ein Gymkhana – kein klassisches Rennen, sondern ein Hindernisparcours, bei dem es um Geschicklichkeit, Präzision und das Zusammenspiel von Mensch und Pferd geht. Manchmal sogar verkleidet. Es geht mehr um Freude und Miteinander als um Leistung.
Gabi & Sally im Jahr 2024 & 2025 - immer mit super Kostüm.
Sally ist das chilligste Pferd, dass ich kenne.
Sie macht fast alles mit 😀.
Normalerweise gibt es bei solchen Anlässen eine Tafel als Preis. Eine, die später irgendwo an einer ⬅️Stallwand hängt – oder in einer Schublade verschwindet.
2024 wollte Maxi, die das Gymkhana organisiert hat, genau das vermeiden. Sie wünschte sich etwas, das man wirklich brauchen kann. Etwas Handgemachtes. Etwas, das nicht einfach abgelegt wird.
Weil sie wusste, dass ich töpfere – und bereits Keramiken von mir hat – kam sie auf mich zu. Wir überlegten gemeinsam, was passen könnte. Untersetzer? Becher? Teller? Klar war: Es brauchte rund zwanzig Preise. Kein Einzelstück, sondern eine Serie. Alle sollten einen kleinen Preis mit nach Hause nehmen können.
Irgendwann erzählte ich von meinen kleinen Schälchen, die wir zuhause ganz selbstverständlich nutzen – für Sojasauce, Teebeutel oder kleine Knabbereien. Um es greifbar zu machen, brachte ich Muster mit. Ab da wurde klar: Das könnte passen.
Der Rahmen war damit gesetzt.
Viele Teilnehmende. Eine Serie. Funktional, wertschätzend, handgemacht.
Es ging nicht um Perfektion, sondern um Stimmigkeit.
Über zwanzig Schälchen. Mehr als zwanzig Mal dieselbe Form.
Die Frage war nicht nur, wie ich das technisch umsetze, sondern auch, wie gleich diese Schälchen am Ende sein müssen.
Drehen kam für mich nicht infrage. Meine Arbeiten sind selten identisch, und genau das mag ich eigentlich. Aber hier ging es um Fairness. Niemand sollte das Gefühl haben, ein schlechteres Stück zu bekommen als jemand anderes.
Bis dahin war meine grösste Serie eine Pferdeherde gewesen – achtzehn Stück, bewusst unterschiedlich. Hier war es anders. Gleiche Form, gleicher Zweck, gleiche Ausgangslage.
Ich hatte nur eine Gipsform. Das bedeutete Zeit. Planung. Geduld.
Die eigentliche Entscheidung lag darin, einen Mittelweg zu finden:
alle Schälchen gleich in der Form – und trotzdem Raum für kleine Unterschiede zu lassen.
Am Ende hatten sie dieselbe Grundform. Manche leicht verzogen, manche mit einem unebenen Boden.
Und trotzdem: Jede Schale hatte ihren eigenen Charakter.
Gleichförmig, aber nicht gleichgültig.
Ich habe mit Steinzeugton gearbeitet, weil mir wichtig war, dass die Schälchen alltagstauglich sind. Hoch gebrannt, dicht, spülmaschinenfest. Keramik, die benutzt werden darf.
Meist habe ich Platten ausgerollt, Kreise ausgeschnitten und diese in die Gipsform gelegt. Antrocknen lassen. Weiterarbeiten. Warten. Wiederholen.
Zwischendurch kam der Gedanke auf, zusätzliche Formen aus Gips zu machen. Ich habe es gelassen. Nicht alles muss sofort effizienter werden.
Um nicht in einen starren Trott zu kommen, habe ich unterschiedliche Techniken kombiniert. Manche Schälchen entstanden aus einer Platte, andere aus einzelnen Teilen, die ich verblendet habe. Innen wie aussen. So bekam jedes Stück bereits im Entstehungsprozess eine eigene Spur.
Damit auch später noch klar ist, woher diese Schälchen stammen, habe ich mit verschiedenen Stempeln gearbeitet - hauptsächlich mit Buchstaben und kleinen Pferdemotiven.
Die Abstände der Buchstaben musste ich abschätzen – meist nahm ich einfach das vorherige Schälchen als Vorlage. Manche Buchstaben sitzen etwas höher oder tiefer. Auch die Pferdestempel sind mal stärker, mal feiner ausgeprägt. Sichtbar. Und genau so gedacht.
Ein weiterer Unterschied entstand durch die Glasur. Vertiefungen habe ich mit Manganspinell eingefärbt und danach wieder abgewischt – mal zu viel, mal zu wenig. Erst nach dem Brand zeigte sich, wie unterschiedlich die Oberflächen wirkten. Nicht alles entsprach meiner ursprünglichen Vorstellung.
Aber Wegwerfen kam nicht infrage. Ich zeigte Maxi auch diese Schälchen. Sie behielt sie – und war glücklich damit. Genau wie ich.
Am Ende sind dreiunddreissig kleine Schälchen entstanden. Gleiche Schriftzüge, unterschiedliche Farben, feine Unterschiede in Form und Oberfläche.
So bekam jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ein eigenes Schälchen. Manche sogar zwei oder drei – weil einzelne Pferde mehrfach, mit unterschiedlichen Personen (geritten oder geführt), am Gymkhana teilgenommen haben. Niemand ging ohne Preis nach Hause.
Gut, dass ich mehr Schälchen gemacht habe, als ursprünglich geplant.
Jedes Stück ist einfach für sich und in der Gesamtheit stark.
Handgemacht. Alltagstauglich. Nicht austauschbar.
Und es trägt Erinnerungen mit sich.
Ich habe mehrere Brände gemacht. Wenn mir bei einer Schale etwas nicht gepasst hat, habe ich mir gesagt: Dann mache ich noch eine. Die bessere kann ich später austauschen.
Irgendwann standen dreiunddreissig Schälchen auf meinem Tisch. Da war klar: Es reicht jetzt. Nicht, weil sie perfekt waren. Sondern weil weiteres Optimieren nichts Wesentliches mehr verändert hätte.
Serienarbeit fordert eine andere Haltung als Einzelstücke.
Man muss dranbleiben, auch wenn es zwischendurch monoton wird. Sich zusammenreissen, weitermachen, ohne jedes Teil emotional aufzuladen. Gleichzeitig entstehen Unterschiede ganz von selbst – durch Glasuren, durch Stempel, durch minimale Ungleichmässigkeiten.
Ein wichtiger Teil dieses Projekts war das Loslassen. Zu entscheiden, wann genug genug ist.
Und zu vertrauen. Darauf, dass die Farben zusammenpassen. Dass die Schälchen ihren Platz finden. Dass sie im Alltag benutzt werden und nicht nur als Ausstellungsstücke zuhause rumstehen.
Dieses Vertrauen gehört für mich genauso zum Töpfern wie der Ton selbst.
Dieses Projekt zeigt gut, dass beim Töpfern nicht nur Dinge entstehen, sondern Entscheidungen getroffen werden müssen.
Eine der wichtigsten ist die Frage: Wann ist ein Stück fertig?
Diese Frage begleitet mich durch jeden Prozess – und sie ist selten eindeutig, geschweige denn einfach.
Ich habe leider noch keine direkte Kommentarfunktion.
Deshalb: Falls du Fragen, Anregungen, Feedback für mich hast,
schreib mir gerne eine E-Mail an: kontakt@antjes-art.com
Ich würde mich sehr freuen von dir zu lesen. 🤗
Und falls du magst, lass uns auf Instagram vernetzen - @antjes_art
Vielleicht möchtest du mir dein Kunstwerk zeigen.
Das würde mich auch sehr freuen 😃
Mein Blog ist wie ein Atelier voller Ideen. Hier kannst du stöbern, entdecken und dich inspirieren lassen.
© 2025 Antje Brügger